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Die Seilbahnen von Chiatura

„Stadt der schwebenden Metallsärge“, „Venedig der Lüfte“ oder doch lieber
„ein Wurm oder keiner?“

Chiatura hat viele Spitznamen, alle gehen auf ihre aussergewöhnliche geografische Lage zurück: In einem tief eingeschnittenen Tal im südlichen Kaukasus liegt die georgische Bergbaustadt Chiatura, früher einer der wichtigsten Manganproduzenten weltweit. Im Reiseführer findet sich nichts über den Ort, der ohne Probleme in eine Liste der 10 surrealsten Orte der Welt aufgenommen werden könnte. Denn Seilbahnen sind in Chiatura das öffentliche Transportmittel. Busfahren ist für Weicheier!

Stalinbahn über Chiatura

Stalinbahn auf dem Weg zur Bergsiedlung hoch über dem Fluss Kvirilia

Stalin’s schwebende Metallsärge

So werden die 26 Personenbahnen, die seit 1953 die Arbeiter vom Tal zu den Minen am Berg und die Menschen von den Bergsiedlungen ins Stadtzentrum bringen, genannt. In den Metallbüxen, die in windigen Höhen über die Felswände schweben, ist der Gedanke an den Tod tatsächlich nicht so abwegig. Wer schon einmal in Georgien war weiss, dass dort auch Bus fahren Nervenkitzel ist – doch das ist nichts gegen eine Fahrt mit einer nostalgischen Sowjet- Seilbahn. Wenigstens verkürzt sich das Abenteuer bei der Seilbahnfahrt von über einer Stunde auf nur wenige Minuten.

Stalinbahn

Die Stalinbahn war die erste Seilbahn der Sowjetunion und fährt heute noch

Chiatura als Apokalyptische Kulisse

Immer wieder stolpere ich über Artikel im Internet über die Seilbahnen des einstigen Arbeiterparadieses Chiatura. Über 70 Material- und Personenbahnen sollen sich durch das Tal ziehen. Nach der Unabhängigkeit Georgiens 1991 brach die Strom- und Wasserversorgung für viele Jahre zusammen, die grauen Hochhaustürme wurden – und werden werden teilweise noch immer – mit Holz beheizt, Wasser musste aus Brunnen geholt werden. Die Einwohnerzahl halbierte sich, die halbverlassenen Betonklötze dienten als apokalyptische Kulisse für den düsteren, 2015 gedrehten Film „Partisan“ mit Vincent Cassel. Aber wie sieht es in Chiatura wirklich aus?

Bergsiedlung und Wohnblick

Links runtergekommene Wohnbauten rechts die Kabine der rostigen Stalinbahn

Spinnennetz aus Metall

Eine halbverlassenen Stadt von Betonruinen, deren Himmel wie von einem Spinnennetz von Metallkabeln durchzogen ist, finde ich nicht. An der Marshrutka Station im Stadtzentrum herrscht, obwohl noch früh am Morgen, schon reges Treiben. Das Rathaus strahlt mich in frisch gestrichenem Rosa an und sogar öffentliche Toiletten (nicht frisch gestrichen) gibt es überraschenderweise. Heute ist Stadtfest und obwohl es ein nebeliger, verregneter Morgen ist, herrscht alles andere als Soviet-Tristesse.

Nach einem Streifzug durch die so gar nicht verlassene Stadt, finde ich die Talstation, an der 3 Seilbahnlinien zusammen treffen. Sie ist mit einem Holzgerüst eingefasst und ausser Betrieb. Wo sind die 70 Seilbahnen?

Materialbahn in Chiatura

Die meisten der noch fahrenden Bahnen sind Materialbahnen und verlaufen weiter östlich im Tal

Baustelle statt Talstation

Baustelle Talstation: Lange wurde nur ausgebessert und nichts erneuert, jetzt soll das Seilbahnnetz von Grund auf renoviert werden

Seilbahn Chiatura

Auch 2007 hing die Gondel regungslos in der Luft: Ein Kabel war gerissen und die Insassen mussten über 12 Stunden auf ihre Rettung warten.

Ausser Betrieb …

Ein alter Mann deutet nach Osten: Die Friedens- und die Stalinbahn sind noch in Betrieb. An der alten Hauptstation tut sich nichts mehr. Es gibt Modernisierungspläne. Über die wird schon lange gesprochen: Moderne, klimatisierte Gondeln sollen die alten, rostigen ersetzten. 15 Millionen Euro soll das kosten – bleibt abzuwarten, ob die neuen Gondeln wirklich jemals die scheppernden Minibusse, die seit den Baumaßnahmen den Dienst der alten Seilbahnen erfüllen, wieder ablösen werden. Die Einwohner der Stadt befürworten die Modernisierung, denn lange wurde nur notdürftig repariert und nichts erneuert, so dass die meisten der Personenlinien mittlerweile ausser Betrieb sind. Nur 2 der 6 noch fahrenden Seilbahnen befinden sich im Zentrum, die anderen 4 sind, wie die Materialbahnen, weiter östlich im Tal. Für die Einwohner ist der Wegfall der Bahnen eine Katastrophe, braucht man doch über eine Stunde um zum Beispiel von der Bergstation der Stalinbahn ins Tal zu laufen.

Talstation Chiatura

Von 7:30 bis 1 Uhr nachts fahren die Seilbahnen. Nur zwischen 12 und 13 Uhr ist während der Mittagspause Warten angesagt

Schalter an Seilbahn

Der Putz ist am blättern: Schon lange wurde hier nichts mehr erneuert

Die Stalinbahn

Das probiere ich gleich mal aus. Nach einer kurzen Wartezeit neben dem großem Bergarbeiter an der Wand, der mit Schaufel und ernster Mine ebenfalls auf die Gondel zu warten scheint, geht die Fahrt – übrigens mit der ersten Seilbahn der Sowjetunion – los. Ruck-Zuck bin ich oben an der Bergsiedlung. Die einst elegante Bergstation, die wie ein Palast auf dem Berg thront, nimmt mich mit bröckelndem Charme in Empfang. Nach einer kurzen Erkundungsrunde durch die aus heruntergekommenen Wohnblocks bestehende Bergsiedlung, bin ich schnell zurück an der Gondelstation. Doch die Gondel hängt regungslos kurz vor dem Einstieg. Ein junger georgischer Mann sitzt rauchend auf einer der Wartebänke. Mittagspause sagt er schulterzuckend. In einer Stunde fährt sie wieder. Mit stoischer Ruhe schaut er ins Tal, aus dem der Hit der Band Mgzavrebi schallt, die Vorbereitung für das Stadtfest sind in vollem Gange. Ich will nicht warten und laufe los – und stimmt, zu Fuss braucht man etwas länger …

Talstation der Stalinbahn

Lenins und Stalins Köpfe zieren die Talstation der Stalinbahn. Chiatura war vor der Revolution ein wichtiger Stützpunkt der Bolschewiken

Notruf Apparat Seilbahn Chiatura

Ob der noch geht? Hoffentlich muss der Notrufapparat nicht getestet werden

Talstation der Stalinbahn mit Wandgemälde

Chiatura war ein Arbeiterparadies, auch heute gibt es noch Arbeit im Bergbau, doch die Bodenschätze neigen sich dem Ende. Auch deutsche Unternehmen mischten vor der Revolution mit, den Mangan wird für die Herstellung von Edelstahl benötigt

Die Friedensbahn

Für eine Fahrt mit der Friedensbahn ist trotzdem noch Zeit. Wurde das Seilbahnnetz in den 50er Jahren von Stalin unter anderem auch deshalb gebaut, um die Ingenieurskunst der Sowjetunion zu demonstrieren, so ist die Friedensbahn die Krönung: Mit 48 Grad Neigung ist sie eine der steilsten Seilbahnen der Welt. Die freundliche Seilbahnwärterin an der Bergstation ist Touristen schon gewöhnt – im Sommer kommen viele Besucher um Fotos von der schönen Aussicht zu machen, richtig idyllisch sieht Chiatura von oben aus. Die Stadt ist sogar Anwärterin für Industrieerbe der UNESCO. Ob sich das mit den Modernisierungsplänen vereinbaren lässt, wird sich zeigen.

Bergstation der Friedensbahn

Die Stadt liegt einem zu Füßen von der Bergstation der Friedensbahn

Seilbahnführerin

Über 30 Jahre arbeitet Magalitat schon als Seilbahnführerin

Friedensbahn Chiatura

Mit 42 Grad Neigung ist die Friedensbahn schwindelerregend rekordverdächtig

Berbahn

Bergbahn an nahe der Bergstation der Friedensbahn: Erinnert an eine wilde Achterbahn

Das Zitat „ein Wurm oder keiner“, stammt übrigens vom georgischen Autor Akaki Zereteli und bezog sich auf die Strassen, die sich in Kurven zu den Minen in den Bergen hochwinden. Die Manganvorkommen, die dort lagern und von denen die meisten Arbeitsplätze abhängen, sollen in 16 Jahren erschöpft sein. So ist die Zukunft der Stadt ungewiss, auch wenn am ausgelassenen Standfest davon nichts zu merken ist. Bleibt zu hoffen, dass kein Wurm drin ist.

Junge Georgierinnen vor Folklore Auftritt

Schick machen für den Auftritt: Junge Georgierinnen bei der Vorbereitung für das Stadtfest

Wohnhäuser in Chiatura

Nicht neu, aber bunter als gedacht: Wohnhäuser in Chiatura

Praktische Tipps

Chiatura liegt ca. 100km nordwestlich von Gori und 200km nordwestlich von Tbilissi entfernt am Fuße des großen Kaukasus.

Anreise

Seit 1895 ist Chiatura mit Sestaponi, das an der Bahnlinie zwischen Kutaissi und Tbilissi liegt, verbunden. Züge fahren jedoch selten und brauchen für die kurze Strecke fast drei einhalb Stunden. Sie fahren täglich von Kutaissi um 5:30 und 16:00 Uhr nach Sachkhere und stoppen in Chiatura. Zurück fahren sie um 10:20 und 20.05 Uhr. Auch Marshrutkas fahren von Kutaissi und Sachkhere nach Chiatura. Ich bin mit den Taxi von Gori gefahren (ganzer Tag 150 Lari), von dort gibt es keine direkt Verbindung mit öffentlichen Verkehrsmitteln.

Öffnungszeiten der Bahnen

Die Seilbahnen sind kostenlos und fahren von 7:30 bis 1 Uhr nachts. Offiziell ist von 12:30 bis 13:00 Uhr Mittagspause, manchmal dauert die auch etwas länger. Bei starkem Wind wird der Betrieb eingestellt.

Zur Zeit meines Besuches waren nur 2 der noch 6 Seilbahnlinien, die noch in Betrieb sind, im Stadtzentrum. Die anderen 4 befinden sich weiter nordöstlich im Tal in der Nähe der Zugstation Chikauri. Auf www.georgiantour.com gibt es dazu eine gute Übersichtskarte.

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